Care on Air

WellCare-Mitarbeiterin Katrin Roller war im Radio und hat zusammen der ehemaligen FAM-Kollegin Sabrina zur Aufwertung von Care Arbeit und der Vereinbarkeit von Arbeit und Leben, Pflege und Elternzeit. Den spannenden Beitrag können Sie auf der Podcast-Seite von LoRA-München nachhören.

(Bild: brgfx auf de.freepix.com.)

Gemeinschaftliches Wohnen in Frankreich

Auch in Frankreich beschäftigen sich Forscher*innen und Aktivist*innen mit dem Thema gemeinschaftliches Wohnen. Allerdings gibt es in Frankreich sehr viel weniger alternative Wohnprojekte als in Deutschland, wie wir von Annie Le Roux erfahren haben. Sie engagiert sich bei Hal’Age, einem Zusammenschluss, der gemeinschaftliches Wohnen in Frankreich fördert und sich auch für Forschung zum Thema stark macht.

WellCare und Hal’Age bleiben miteinander in Verbindung und wir freuen uns auf den Austausch! Wenn Sie mehr über die Arbeit unserer französischen Kolleg*innen wissen möchten, sei Ihnen die Website von Hal’Age ans Herz gelegt.

Selbstsorge und Gesundheit in Pandemie-Zeiten

von Nina Vischer

Care wird meist im Hinblick auf das sich sorgen oder kümmern um Andere diskutiert. Was dabei häufig zu kurz kommt, ist die Sorge für sich selbst. Eben diese wahrzunehmen bedeutet auch einen Beitrag zur eigenen Gesundheit zu leisten, diese zu fördern. In diesem Blogbeitrag möchte ich Selbstsorge auf individueller Ebene sowohl grundsätzlich als auch unter Pandemie-Bedingungen betrachten und reflektieren, welche Bedingungen und Möglichkeiten für Selbstsorge gemeinschaftliche Wohnprojekte schaffen können. Selbstsorge fand schon immer zum Teil dort statt, wo Menschen wohnen, was sich durch die Pandemie und das Zurückgeworfen sein auf den eigenen Wohnraum oder eben das Wohnprojekt noch einmal verstärkt gezeigt hat. Welche Chancen können sich hier auch für gesundheitsförderliche Selbstsorge bieten?

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Corona und WellCare – Was bedeutet die Pandemie für unser Forschungsprojekt?

Von Kyra Schneider

Die Corona-Pandemie beschäftigt die Welt nun seit einem guten dreiviertel Jahr und bahnte sich just zum Start unseres Forschungsprojektes WellCare an, das im Februar 2020 startete. Schien es zunächst noch, als wäre dies eine Krise, die bis Ende des Jahres einigermaßen überwunden werden könnte, zeichnet sich nun ab, dass eine Rückkehr zur Vor-Corona-Normalität nicht so bald möglich sein wird. Doch was bedeutet diese weiterhin andauernde Ausnahmesituation nun für unser Forschungsvorhaben?

Zum einen geht es natürlich um eine Anpassung unserer Erhebungsmethoden – Interviews, Gruppendiskussionen und teilnehmende Beobachtungen sind unter Pandemie-Bedingungen nicht eins zu eins umzusetzen wie geplant. Andere Forschungsmethoden können jedoch den Fokus der Forschung verschieben bzw. es können bestimmte Erkenntnisse entfallen (z.B. die, die durch teilnehmende Beobachtungen erlangt werden sollten). Doch nicht nur forschungspraktisch hat die Corona-Pandemie Auswirkungen auf uns, ebenso wie sicherlich auf viele andere Forschungsvorhaben auch. Zudem erscheinen Forschungsgegenstand und -frage in einem neuen Licht.

So ist insbesondere unsere Thematik, Wohnen und Care zusammenzudenken, von der Corona-Pandemie berührt. Wie sich gerade in Zeiten des Lockdowns gezeigt hat, wird der „eigene Haushalt“ durch die getroffenen Regelungen politisch zum Rückgrat von Care erklärt: Während der ersten Welle waren nur hier soziale Kontakte erlaubt; durch die Schließung von Schulen, den vorübergehenden Aufnahmestopp in Alten- und Pflegeheimen in Bayern, die Einstellung ehrenamtlicher Besuchsdienste etc. wurde der Haushalt – und wie sich gerade zu Anfang in den Medien und der politischer Kommunikation feststellen lässt – die implizit damit gemeinte Kleinfamilie zu einem zentralen Leistungserbringer von Care und zwischenmenschlichen Kontakten.

Krisenzeiten offenbaren, nach welchen Mustern Gesellschaft funktioniert: einerseits durch einen Rückgriff auf althergebrachte „Patentrezepte“, quasi den „default-Modus“ einer Gesellschaft; andererseits aber auch dadurch, dass durch Krisen hergebrachte Normativitäten ins Wanken geraten und Räume für die Re-Organisation von Gesellschaft entstehen können. Letzteres ließe sich hinsichtlich Care- und Geschlechterverhältnisse möglicherweise an einer stärkeren Beteiligung von Vätern an der Familienarbeitszeit während Corona feststellen (vgl. z.B. Bujard et al. 2020 – die Forschungslage dazu ist aber noch sehr uneinheitlich.; Der Rückgriff auf „bewährte“ Strategien hingegen zeigt sich eben gerade daran, dass – ohne größere Debatte darüber, was eigentlich unter Haushalt oder Familie zu verstehen sei – diese Form des Lebens und Wohnens während des (ersten) Lockdowns als quasi selbstverständliche gesellschaftliche Ressource vorausgesetzt wurde, um die aus der öffentlichen Sphäre verwiesenen Care-Aufgaben zu übernehmen. Nur: zwar lebte 2018 fast die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland in Familien mit ledigen Kindern, also in der als Norm gesetzten Kleinfamilie; aber immer noch knapp ein Viertel der Menschen lebte alleine in einem Haushalt, oftmals verwitwete ältere Frauen (vgl. Demografieportal 2018). Zudem gibt es gut 2,5 Millionen Alleinerziehende, überwiegend Frauen (Statistisches Bundesamt 2020). Die Wohn- und Lebenssituation ist also wesentlich diverser, als die Corona-Maßnahmen vermuten lassen würden.

Nicht nur, dass die Wohn- und Lebenssituation der in einem Wohnraum zusammenlebenden (heteronormativen) Kleinfamilie als Norm gesetzt wurde; auch wurde sehr schnell klar, wem quasi automatisch die Übernahme der zusätzlich anfallenden Care-Arbeit zugeschrieben wurde und diese auch oftmals übernahm: den Frauen. So reduzierten 27% der Mütter mit Kindern unter 14 Jahren ihre Arbeitszeit, aber nur 16% der Väter, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten (vgl. Kohlrausch/ Zucco 2020).

Dass nun alles darangesetzt wird, Schulen und Kitas weiterhin offen zu halten, geschieht sicherlich nicht nur um weiterhin Bildungschancen zu gewähren, sondern auch, weil diese Einrichtungen eine zentrale Betreuungsinfrastruktur darstellen. Denn es zeigte sich schnell, dass auf Dauer Home Schooling und Erwerbsarbeit – selbst im Home-Office – nicht möglich ist. Das Funktionieren der klassischen Kleinfamilie ist zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit schon jetzt prekär, genauso wie die Personaldecke im öffentlichen Care-Bereich. Die bereits vor der Pandemie bestehende Care-Krise zeigt sich nun in der Corona-Krise umso deutlicher. Um auf unsere Forschungsfrage nach Wohnen und Care zurückzukommen: die Art und Weise, wie wir wohnen und mit wem wir wie zusammenleben, hat sich hier als entscheidend für die Erfüllung von Care herausgestellt. Es zeigt sich wie unter einem Brennglas die Dringlichkeit, über die jetzige Organisation von Care und Wohnen nachzudenken: Wie lässt sich Care geschlechtergerechter organisieren? Und wie lässt sich dies in (neuen) Wohnformen – jenseits von Kleinfamilie und Einpersonenhaushalten – realisieren? Welcher Umgang mit Care-Aufgaben lässt sich in gemeinschaftlichen Wohnprojekten – gerade auch im Ausnahmezustand des Lockdowns – beobachten? Gibt es hier neue Aufgabenverteilungen? Unter welchen Umständen wird Care im eigenen Haushalt wie organisiert, unter welchen Voraussetzungen vergemeinschaftet?

Und was bedeutet Corona auf politischer Ebene: Stärkt die – im Grunde durchweg auch als Care-Krise lesbare Pandemie – das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Care und die Notwendigkeit guter öffentlicher Infrastrukturen? Oder wird es aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Krise eher zu Einsparungen im öffentlichen Haushalt kommen und die Förderung innovativer Wohnkonzepte ausgebremst werden?

Manche dieser Fragen lassen sich möglicherweise erst mit einem etwas größeren Zeitabstand beantworten. Sicher ist, dass die Idee, Wohnen und Care gerade auch im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit zusammenzudenken, sich gerade durch die Corona-Krise als notwendiger und vielversprechender Ansatz erweist.

 

Literatur

Bujard, Martin; Laß, Ina; Diabaté, Sabine; Sulak, Harun; Schneider, Norbert F. (2020): Eltern während der Corona-Krise. Zur Improvisation gezwungen. Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Demografieportal (2018): Bevölkerung nach Lebensformen. URL: https://www.demografie-portal.de/DE/Fakten/lebensformen.html

Kohlrausch, Bettina; Zucco, Aline (2020): Corona trifft Frauen doppelt – weniger Erwerbseinkommen und mehr Sorgearbeit. In: WSI Policy Brief Nr. 40, Mai 2020

Statistisches Bundesamt (2020): Alleinerziehende Elternteile* nach Geschlecht und Familienstand 2019. Fachserie 1, Reihe 3, Bevölkerung und Erwerbstätigkeit: Haushalt und Familien (eigene Berechnungen). URL: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Familienpolitik/Datensammlung/PDF-Dateien/abbVII20.pdf

Ein Kommentar zum Siebten Altenbericht und Zweiten Gleichstellungsbericht aus Genderperspektive

von Katrin Roller, Kyra Schneider und Nina Vischer

Angesichts der öffentlich festgestellten „Care-Krise“ findet auf politischer Ebene eine verstärkte Auseinandersetzung mit neuen, innovativen Ansätzen der Sorge, z.B. für ältere Menschen oder Kinder, statt. Dazu hat die Bundesregierung eine Sachverständigenkommission einberufen, zu deren Ergebnisse und Empfehlungen sie Stellung bezieht. Zwei wichtige Berichte in diesem Zusammenhang bilden der Siebte Altenbericht der Bundesregierung 2016 (https://www.siebter-altenbericht.de/), der neue Wohnformen und sozialräumliche Sorgestrukturen als zukunftsträchtige Neuausrichtung der Versorgung älterer Menschen betrachtet und der Zweite Gleichstellungsbericht 2017 (https://www.gleichstellungsbericht.de/) , der eine Neuorganisation von „Care“ im Sinne der Gleichstellung in den Fokus seiner Empfehlungen rückt.

Beide Berichte nehmen wir unter die Lupe: uns interessiert, wie der Zusammenhang von Care und Geschlecht thematisiert wird und welche neuen Ansätze von Sorge entwickelt werden. Welche Empfehlungen für eine (Neu)Organisation von Care, vor allem bezogen auf die Pflege von Angehörigen, geben die Berichte?  Wie wird Geschlechtergerechtigkeit hier mitgedacht? Welche „Vision“ von Care wird entwickelt? Und wie positioniert sich die Bundesregierung zu diesen Empfehlungen?

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Veranstaltung: Was ist ein gutes Leben in der Krise? Die Corona-Pandemie aus Geschlechter- und Care-Perspektive (24.11.2020, 19 Uhr, online)

Die Covid19-Pandemie hat gezeigt: Care/Sorgearbeit ist eine essentielle Säule unserer Gesellschaft. Einerseits wurden z.B. Altenpfleger*innen und Krankenhauspersonal als „Held*innen“ beklatscht, andererseits fühlten sich viele Menschen massiv im Stich gelassen, wie z.B. Eltern oder pflegende Angehörige bei denen Unterstützungsstrukturen wegfielen. Gerade Frauen wurden in dieser Zeit überproportional zusätzlich belastet: als Erwerbstätige in „systemrelevanten“ („Frauen“-)Berufen, als Mütter und pflegende Angehörige. Manche beklagen daher Rückschritte in Sachen Gleichstellung und Geschlechterrollen.
Wir möchten in unserer Veranstaltung den gesellschaftlichen Umgang mit und die Auswirkungen von Corona mit Fokus auf Care und Geschlecht betrachten:
Welche (widersprüchlichen) Linien in Rollenerwartungen und Aufgabenteilungen zwischen den Geschlechtern zeigen sich? Welche Bilder von Familie und Lebensformen transportieren die Corona-Maßnahmen? Welche Sorgearbeit wird als „systemrelevant“ gewertet, welche vergessen? Was haben und hatten die Kontaktbeschränkungen für Auswirkungen auf dieMenschen? Und wie ist „gutes Leben“ und „gutes Care“ auch in Corona-Zeiten möglich?
Die Covid-19-Krise verstehen wir als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Entwicklungen, mit denen wir uns in diesem Workshop sozialwissenschaftlich auseinandersetzen und mit den Teilnehmer*innen ins Gespräch kommen möchten.

Termin: 24. November 2020, 19 Uhr

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen halten wir die Veranstaltung digital ab, Sie bekommen den Link vor der Veranstaltung per Mail zugeschickt.

Bitte melden Sie sich bis zum 22. November 2020 per E-Mail an unter: fz-augsburg@gmx.de.

Die Referentinnen forschen als Sozialwissenschaftlerinnen an der OTH Regensburg und der Frauenakademie München zu den Themen Care, Gender und Wohnen im Verbundprojekt „WellCare“. Die Veranstaltung wird vom Frauenzentrum Augsburg e.V. veranstaltet und ist
gefördert durch die Gleichstellungsstelle der Stadt Augsburg.

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Der Auftakt unseres Forschungsprojekts

Wir freuen uns sehr, unser Forschungsprojekt mit unserer neuen Website nun umfassend der Öffentlichkeit präsentieren zu dürfen. Unser Projekt besteht bereits seit dem 01.02.2020 und wird noch bis zum 31.01.2023 fortgesetzt. In diesem Blogbeitrag möchten wir Sie über den Auftakt des Projekts und auch den Zeitplan unserer Forschung informieren. Weiterlesen