Innovative Unterstützungsmöglichkeiten des gemeinschaftlichen Wohnens durch die Kommunen

von Barbara Janker
Der in unserer Gesellschaft vorherrschende demografische Wandel wirkt sich auch auf das Thema Wohnen aus. Die Geburtenrate sinkt bei steigender Lebenserwartung – daraus resultiert ein veränderter Altersaufbau der Bevölkerung. Auch die Bedürfnisse und Anforderungen an Wohnen sind von dieser Veränderung betroffen. Ein selbstbestimmtes Leben stehen ebenso im Zentrum wie Teilhabe an der Gesellschaft und die Vermeidung von Vereinsamung. Care Arbeit, die zur Erfüllung dieser Bedarfe notwendig ist, wird immer noch überwiegend von Frauen ausgeführt und kann unter Umständen zu einer größeren Betroffenheit von Altersarmut führen. Um dieser Dynamik entgegenzuwirken wird der Wunsch nach neuen Wohnformen laut, welche einerseits soziale Teilhabe und andererseits gegenseitige Unterstützung und gemeinschaftliches Care verwirklichen soll.

Besonders gemeinschaftliche Wohnformen können sich eignen, um dem demografischen Wandel in Hinblick auf Wohnen und Care gerecht zu werden (Töllner 2016, S. 27; Buchen und Maier 2008, S. 7; Pätzold 2017, S. 123–124). Gemeinschaftliche Wohnformen können sich durch die Eigenverantwortung einer Gruppe, die nachbarschaftliche Unterstützung, die sozialen Netzwerke, die lokale Zusammenarbeit und durch gemeinschaftliches Care, auszeichnen (Töllner 2016, S. 27).

Wohnraum gilt allgemein als Wirtschafts- und Sozialgut. Aufgrund der gestiegenen Boden- und Immobilienpreise ergibt sich allerdings ein angespannter Wohnungsmarkt – vor allem im Umfeld von Ballungsräumen. Aufgrund der hohen Kauf- und Mietpreise können viele Zielgruppen ihren eigenen Wohnbedarf nur schwer decken, woraus sich die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum ergibt. Wohnen wird daher zur kommunalen Steuerungsaufgabe. Es wird nach vielfältigem und leistbarem Wohnraum verlangt (Bayerische Verwaltung für Ländliche Entwicklung, S. 18–19). Damit Kommunen dieser Forderung nachkommen, können sie beispielsweise die Entstehung von gemeinschaftlichen Wohnformen unterstützen. Ob gemeinschaftliche Wohnformen zustande kommen können oder nicht, liegt also in der Mitverantwortung der jeweiligen Kommune. So verfügt diese über verschiedene Instrumente, um die Entstehung von gemeinschaftlichem Wohnen zu fördern (Töllner 2016, S. 27), auf welche im Folgenden näher eingegangen wird.

Eine Möglichkeit der Kommune, um gemeinschaftliches Wohnen zu unterstützen, ist die Veräußerung von Grundstücken per Konzeptverfahren. Projektgruppen, welche gemeinschaftliche Wohnformen initiieren, konkurrieren in ihrer Bewerbung für kommunale Grundstücke meist mit Bauträgern oder Wohnungsunternehmen. Diese können bei Bedarf wesentlich schneller reagieren als die Projektgruppe. Mithilfe der Konzeptvergabe können Kommunen hier steuernd eingreifen. Sämtliche Bewerber für das kommunale Grundstück müssen im Rahmen des Konzeptverfahrens ihr eigenes Konzept vorlegen. Außerdem hat die Kommune dadurch die Möglichkeit, Gemeindeflächen speziell für gemeinschaftliche Wohnformen auszuweisen (Bura und Töllner 2014, S. 10; Töllner 2016, S. 27; BBSR 2020, S. 6–7).
Ebenso wird durch das Konzeptverfahren die Finanzierung für die Projektgruppe erleichtert. Denn im Gegensatz zu üblichen Höchstpreisverfahren spielt hier die Qualität des Konzepts eine wichtige Rolle und nicht das höchste Gebot. Des Weiteren hat die Kommune den Vorteil, dass sie das Projekt mit Hilfe der Ausschreibung inhaltlich steuern kann (Reimer et al. 2020, S. 57–58; BBSR 2020, S. 6–7).

Beispielsweise erfolgte beim sogenannten „Jahrhundertprojekt“ am Klosteranger Weyarn die Grundstücksvergabe über das Konzeptverfahren (Bayerische Verwaltung für Ländliche Entwicklung o.J., S. 34–35). Auch die Stadt Leipzig vergab die Grundstücke für Projekte der „Wohnungsgesellschaft mbH Central LS W33“ sowie für das Projekt „Flatiron am Felsenkeller“ über Konzeptverfahren (Netzwerk Leipziger Freiheit et al. 2018, 29, 31).

Auch das Gründen von Dachgenossenschaften durch die Kommune kann gemeinschaftliches Wohnen vorantreiben. Vor allem für kleinere Projektgruppen, welche aus organisatorischen und finanziellen Gründen meist keine eigene Genossenschaft gründen können, stellen Dachgenossenschaften eine große Hilfe dar. So wurde von der Stadt Tübingen die Dachgenossenschaft Wohnen ins Leben gerufen. Um Projekte lokaler Initiativen zu unterstützen, übernimmt sie die Gründungs-, Bau- und Verwaltungsaufgaben, also die übergeordnete Organisation. Die Projektgruppen behalten dabei ihre Autonomie. Auch stellt die Dachgenossenschaft einen Sozialfond für Menschen, die nicht aus eigenen Mitteln am gemeinschaftlichen Wohnen teilhaben können, zur Verfügung. Ziel der Stadt Tübingen ist es, Menschen aus allen Einkommensschichten den Zugang zu gemeinschaftlichem und langfristig bezahlbarem Wohnraum zu ermöglichen (Müller 2021; Dachgenossenschaft Wohnen Tübingen eG 2022).

Des Weiteren erleichtert die Vergabe von Grundstücken über Erbbaurecht den Projektgruppen die Realisierung ihres Konzepts. Ebenso kann die Kommune damit Initiativen mit wenig Kapital unterstützen. So haben Kommunen die Möglichkeit über das Erbbaurecht ein Grundstück befristet auf 99 Jahre zu vergeben. Der*die Erbbaurechtsnehmer*in erwirbt dabei das Eigentum an Gebäuden auf dem Grundstück. Die Projektgruppe zahlt dann einen Erbpachtzins an die Kommune zurück. Umgekehrt kann die Kommune mit dem*der Erbbaurechtsnehmer*in Vereinbarungen über die Gestaltung und Instandhaltung des Gebäudes treffen. Auch besteht der Vorteil, dass das Bauland im Eigentum der Stadt bleibt (Bura und Töllner 2014, S. 10; BBSR 2020, S. 6).

Ein Best-Practice-Beispiel hierfür ist die Initiative Froh2Wo in Bad Dürkheim. Die Kommune hatte die Absicht, das kommunale Grundstück über das Erbbaurecht an soziale und gemeinschaftliche Projekte zu vergeben und entschied sich hierbei für die Initiative Froh2Wo. Um das Projekt noch mehr zu unterstützen, senkte die Stadt sogar den Erbpachtzins von 3% auf 1,5% (Reimer et al. 2020, S. 58). Ein weiteres Beispiel ist das Mietshäusersyndikat in Freiburg. Flächen, die für Wohnungsbaugenossenschaften uninteressant waren, wurden über Erbpacht an das Syndikat vergeben (Mietshäuser Syndikat o.J.). Ebenfalls wurde das Gesundheits- und Pflegezentrum in Waldthurn, welches ein altengerechtes Wohnen mit Betreuungsangebot darstellt, durch einen Erbpachtvertrag zwischen Gemeinde und den Projektträgern realisiert (Bayerische Verwaltung für Ländliche Entwicklung, S. 30).

Auch eine Förderung von gemeinschaftlichem Wohnen durch das kommunale Wohnungsunternehmen ist denkbar. So kann die Kommune selbst nachfrageorientiert Wohnformen bilden und langfristig bezahlbaren Wohnraum sichern (Töllner 2016, S. 29; Bura und Töllner 2014, S. 7–8). Als Best-Practice Beispiel kann hier das „NILS-Wohnen im Quartier“ in Kaiserslautern angeführt werden. Dieses Wohnprojekt wurde von der Bau-AG, einem kommunalen und gemeinnützigen Wohnungsunternehmen der Stadt Kaiserslautern, realisiert. Es handelt sich dabei um bezahlbaren Wohnraum mit integrierter Kindertagesstätte und betreutem Wohnen (Bau AG Kaiserslautern o.J.).

Weiterführend können Kommunen das gemeinschaftliche Wohnen unterstützen, indem sie spezielle Koordinierungs- und Beratungsstellen strukturell verankern. So erhalten Baugruppen und Wohnprojekte lokale Anlaufstellen, welche sie in ihrem Vorhaben beraten und unterstützen (Töllner 2016, S. 28; Bura und Töllner 2014, S. 7–8; Geschäftsstelle Modellprogramm Gemeinschaftlich wohnen, selbstbestimmt leben“ des BMFSFJ 2019, S. 57–58). Ebenso können Kommunen die Projektgruppen im Knüpfen von Kontakten zu Investoren oder Wohnungsunternehmen unterstützen. Projektgruppen sind für die Realisierung ihres Konzeptes oft auf solche angewiesen. Da die Kommune meist bereits bestehende Verbindungen zu diesen hat, kann sie einen Kontakt zwischen beiden Parteien herstellen und so die Realisierung des Wohnvorhabens positiv beeinflussen (Bura und Töllner 2014, S. 9; Töllner 2016, S. 29).

Die Stadt Hamburg beispielsweise integrierte im Amt für Wohnen, Stadterneuerung und Bodenordnung die Agentur für Baugemeinschaften. Diese berät seit 2003 Menschen, welche sich für nachbarschaftliches Wohnen interessieren. Sie unterstützt bei der Ideenfindung, knüpft Kontakte zu anderen Interessierten, informiert über Grundstücksausschreibungen und ist Ansprechperson in allen anderen Fragen (Amt für Wohnen, Stadterneuerung und Bodenordnung o.J.).

Als besonderes Beispiel für die Zusammenführung von Care und Gender im Bereich Wohnen kann die Koordinierungsstelle, Leitstelle „Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen“, der Stadt Wien angeführt werden. Das erste Projekt der Koordinierungsstelle war der Wohnkomplex Frauen-Werk-Stadt I. Als Weiterentwicklung folgte 2004 die Frauen-Werk-Stadt II. Diese Projekte sind genau auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten (Baum 2021). Das Projekt Frauen-Werk-Stadt II stellt bezahlbaren Wohnraum für ältere Menschen, insbesondere Frauen, dar. Bei Bedarf kann auf das betreute Wohnen zurückgegriffen werden (Stadt Wien o.J., S. 1). Besonders spannend bei diesen Projekten ist, dass es sich nicht nur um gemeinschaftliche Wohnprojekte handelt, sondern dass ebenfalls „frauengerechtes“ und „alltagsgerechtes“ Wohnen berücksichtigt wird. Die Leitstelle Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen wurde dann 2010 aufgelöst, um sie auf mehrere Stellen zu verteilen, beispielsweise auf den Bereich Gendergerechte Stadtplanung (Baum 2021). Diese strukturelle Verankerung der Themen Wohnen und Care in Wien kann als Best-Practice Beispiel bezeichnet werden.

Abschließend wird deutlich, dass Kommunen sich vieler verschiedener Möglichkeiten bedienen können, um gemeinschaftliche Wohnformen, auch in Bezug auf Care, positiv zu unterstützen und zu beeinflussen. Insbesondere die Hilfe zur Kontaktaufnahme mit Wohnungsunternehmen und Investoren kann das Entstehen von gemeinschaftlichem Wohnen beschleunigen. Für die Zukunft wäre wünschenswert, dass derartige Hilfemöglichkeiten auf kommunaler Ebene transparent dargestellt und aktiver umgesetzt werden. Somit kann die Thematik des gemeinschaftlichen Wohnens und deren Fördermöglichkeiten in der Bürger*innenschaft präsenter werden und auf mehr Anklang stoßen.

Veröffentlichung in Feministischer GeoRundMail Nr. 91

von Kyra Schneider und Katrin Roller

Gerne weisen wir darauf hin, dass zum Workshop Gemeinschaftliche Wohnprojekte als geschlechtergerechte Caring Communities? Workshop zum Alltagsleben und zur Verteilung von Care in gemeinschaftlichen Wohnprojekten“ von Kyra Schneider und Katrin Roller (WellCare) eine Zusammenfassung in der Feministischen GeoRundMail Nr. 91 zu finden ist (ab S. 108). Der Workshop fand im Rahmen der Tagung „Erschütterungen, Verschiebungen, Umbrüche“ beim Vernetzungstreffen Feministische Geografien im April 2022 in Berlin statt.

Der Download der ganzen Ausgabe ist unter folgendem Link möglich: https://ak-feministische-geographien.org/rundmail/

Veranstaltung „WOHNEN – GEMEINSAM ?!“

 
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Neue WellCare-Publikationen

von Sophia Hiergeist

Gerne weisen wir Sie auf unsere neuen WellCare-Publikationen hin:
  • Roller, Katrin; Eck, Sandra (2022): Gutes Leben – gutes Care: Innovative Wohn-Care-Projekte
    zwischen utopischer Spinnerei und umsetzbarem Reallabor. In: Ulrike Knobloch, Hildegard Theobald, Corinna Dengler, Ann-Christin Kleinert, Christopher Gnadt | Heidi Lehner (Hrsg.). Caring Societies – Sorgende Gesellschaften. Neue Abhängigkeiten oder mehr Gerechtigkeit? Weinheim, Basel: Beltz Juventa, S. 222 – 240
  • Vischer, Nina; Schneider, Kyra; Dollsack, Sophia (2022):Habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht“: Interdependenz von Wohnen, Care und Geschlecht in kommunalpolitischen Prozessen. In: Ulrike Knobloch, Hildegard Theobald, Corinna Dengler, Ann-Christin Kleinert, Christopher Gnadt | Heidi Lehner (Hrsg.) Caring Societies – Sorgende Gesellschaften. Neue Abhängigkeiten oder mehr Gerechtigkeit? Weinheim, Basel: Beltz Juventa, S. 66 – 84

Der Sammelband mit den beiden Artikeln ist zum freien Download verfügbar unter:

https://www.beltz.de/fachmedien/soziologie/produkte/details/48934-caring-societies-sorgende-gesellschaften.html

Weiterhin ist in den Blättern der Wohlfahrtspflege folgender Artikel erschienen:

  • Roller, Katrin (2022): Gemeinschaftliche Wohnprojekte – Caring als Demokratieschule im Kleinen. Blätter der Wohlfahrtspflege, Jg. 169, 04/2022, 127 – 130.

Bericht zur Veranstaltung „Stadtplanung der Zukunft – feministisch und inklusiv“

von Kyra Schneider
Was braucht es für Städte, in denen sich alle Menschen wohl und sicher fühlen und keine Barrieren die Teilhabe erschweren? Welche Wege zu einer „Stadt für alle“ gibt es? Diesen Fragen wurde aus feministischer Sicht auf der Online-Veranstaltung „Stadtplanung der Zukunft – feministisch und inklusiv“, organisiert von der ASF (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen) der SPD, am 20. Juni 2022 nachgegangen.
Die Landschaftsarchitektin und Humangeografin Mary Dellenbaugh-Losse erläuterte in ihrem Vortrag, was gendergerechte Stadtplanung bedeutet und illustrierte dies anhand ein paar Beispielen aus Wien, Barcelona und Umeå (vgl. Gender Euqal Cities Report). In der Planung und Umsetzung gelte immer noch viel zu oft unhinterfragt eine „Männerperspektive“ (aktuelles Beispiel: City-Toiletten in Berlin, auf denen die Pissoirs zwar kostenfrei sind, die Sitzklos aber 50 Cent kosten): Frauen seien zum einen in den Daten unsichtbar (vgl. Criado-Perez), zum anderen seien Architektur- und Planungsberufe nach wie vor „Männerdomänen“.

 

Auch existierende Beteiligungsformate würden unterschiedliche Lebensrealitäten, wie z.B. Care-Verantwortung, zu wenig berücksichtigen und damit bestimmte Menschen an der Teilnahme von Gestaltungsprozessen ausschließen. Gender Mainstreaming in der Stadtplanung betrifft alle Bereiche und hat zahlreiche Dimensionen: in der Planung von öffentlichen und Freizeiträumen (für mehr Aufenthaltsqualität für alle und unterschiedliche Nutzungsverhalten), im Bereich der Mobilität (nachhaltigere Bewegungsmittel, was „weiblichem“ Mobilitätsverhalten entspricht), in der Repräsentation (bei Straßennamen, und zwar nicht nur bei kleinen peripheren Straßen in Neubaugebieten), im Bereich von Smart City Konzepten (auf Basis welcher Datenlage werden Algorithmen erstellt?), bei der Frage nach der sozialverträglichen Wohnraumversorgung (Stichwort Gender Pay Gap, Gender Pension Gap) etc.
Als zweite Rednerin stellte die Bürgermeisterin Christiane Küchenhof die Versuche ihrer Stadt Schenefeld vor, inklusiver zu werden. So soll in der (quasi nicht existenten) Innenstadt ein Bürgerzentrum entstehen, an dem alle kommunalen Dienstleistungen vom Standesamt zur Bibliothek zu finden sind und der sich durch gute Aufenthaltsqualität und Freiräume für Kunst und Kultur auszeichnen soll. Als Kleinstadt mit 20.000 Einwohner*innen direkt an der Stadtgrenze zu Hamburg und an Naturschutzgebieten gelegen, stellt die inklusive Umgestaltung die Stadt dabei vor besondere Herausforderungen: viel Platz für Stadterweiterungen gibt es nicht, und die Beantragung von Fördermitteln – vor allem von „Bürokratiemonstern“ wie EU-Fördermitteln – sei für viele Kleinstädte aufgrund ihrer entsprechend kleinen Verwaltung schwierig.

 

Die Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, Klara Geywitz, ergänzte die Runde mit ihrer bundespolitischen Perspektive. Genderaspekte sollten bei der Stadtentwicklung, der politischen Repräsentation und bei Fragen des Gender-Budgeting (also: wohin fließt wieviel Geld?) berücksichtigt werden. Für das Bundesministerium sei gerade die zukünftige Entwicklung der Innenstädte, angesichts des Trends des Rückzugs des Einzelhandels aus diesen, von Bedeutung. Vielleicht läge die Zukunft der Innenstädte in Ansätzen der „Sharing Economy“ (Teilen statt Kaufen reduziere ja auch den benötigten Wohnraum) und des „Rechts auf Reparatur“ (im Sinne einer nachhaltigen zirkulären Ökonomie). Ein weiterer wichtiger Aspekt sei es, konsumfreie Aufenthaltsorte zu schaffen, um Teilhabe für alle zu ermöglichen.

 

Auf die Publikumsfrage, was nötig sei, um Genderaspekte auch tatsächlich umzusetzen, gab es unterschiedliche Antworten: Christiane Küchenhof appellierte an die Politik, Förderprogramme mit weniger Bürokratie zu versehen, um die Antragshürden auch für kleine Verwaltungen zu senken; Klara Geywitz betonte, dass Quoten notwendig seien, um die „gläserne Decke“ vor Entscheidungspositionen zu brechen; und Mary Dellenbaugh-Losse schilderte aus dem Bereich der ​Architektur- und Planungsberufe, wie die dort herrschende Wettbewerbsmentalität der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entgegenstünde, und der sich dadurch aufmachende Gender-Gap auch in der Vergabepraxis niederschlage.
Eine Kritik aus dem Publikum hinterfragte die Gleichsetzung von „feministisch“ mit „inklusiv“: das Argument „Was den Frauen hilft, hilft allen“ greife eventuell zu kurz und man müsse trotzdem explizit auch über Inklusion sprechen. Tatsächlich schien das Thema Inklusion eher nur am Rande auf. Eine stärkere intersektionale Perspektive wäre hier wünschenswert gewesen. Trotzdem geben feministische Perspektiven auf Stadtplanung Anregungen dazu, bestimmte „Normalitäten“ aufzubrechen und zu fragen: Wer nutzt die Stadt wie? Was wird – oftmals unreflektiert und implizit – als Norm gesetzt? Und was braucht es, um jenseits dieser vermeintlichen Norm, allen Nutzer*innen-Verhalten und Bedarfen entgegenzukommen? Alles in allem war die Veranstaltung sehr aufschlussreich und machte greifbarer, was „feministische Stadtplanung“ eigentlich bedeutet, und für welche anderen Problemfelder (z.B. Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Inklusion) eine feministische Perspektive anschlussfähig ist.

 

Zeitung partizipativ – die SZ lädt derzeit als „Plus 3-Magazin“ zum Mitdiskutieren ein

von Katrin Roller

Zeitung partizipativ – die SZ lädt derzeit als „Plus 3-Magazin“ zum Mitdiskutieren ein. Unter dem Stichwort Wohnen äußert sich unter anderem Katrin Roller zum Thema Care und Wohnen: https://plus-drei.de/themen/

Bildquelle: https://plus-drei.de/ausgaben/

Workshop „Gemeinschaftliche Wohnprojekte als geschlechtergerechte Caring Communities?“

Vom 28.4. – 30.4.2022 findet vor Ort in Berlin/online und hybrid das Vernetzungstreffen feministischer Geografie statt.
Katrin Roller und Kyra Schneider veranstalten hierbei einen Workshop mit dem Titel: „Gemeinschaftliche Wohnprojekte als geschlechtergerechte caring communities? Workshop zum Alltagsleben und zur Verteilung von Care in gemeinschaftlichen Wohnprojekten“. Hier geht’s zum Ankündigungstext.
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Fachtag für Kommunen „Innovative Wege zur Pflege“

von Nina Vischer

Die Koordinationsstelle Pflege und Wohnen in Bayern lädt zum Fachtag „Innovative Wege zur Pflege“ für kommunale Akteure am 26.04.22 in München voraussichtlich in Präsenz ein.

Auf dem Fachtag wird auf die Erarbeitung ortsangepasster Pflege- und Versorgungskonzepte eingegangen sowie Best-Practice Wohn- und Pflegeprojekte von der Planung bis zur Realisierung in Bayern vorgestellt. Vor allem Akteure aus Kommunen und Landkreisen sind zu den fachlichen Vorträgen sowie zu Austausch und Vernetzung herzlich eingeladen.

Eine kostenfreie Anmeldung ist bis zum 19.04.22 möglich.

Weitere Informationen zum Fachtag finden Sie unter: https://www.bayern-pflege-wohnen.de/beratung-fuer-kommunen/veranstaltungen/ankuendigungen.html

Equal Care Day 2022

von Nina Vischer und Kyra Schneider

Der Equal Care Day findet jährlich an dem Tag statt, den es nur alle vier Jahre gibt: am 29. Februar oder dann am 01. März. Damit verweist schon das Datum auf eines der Ziele der Initiator*innen: unsichtbare Care-Arbeit sichtbar zu machen. Als gemeinschaftliches Werk der Teilnehmer*innen am Equal Care Day 2020 entstand das „Equal Care Manifest“ dessen einzelne Forderungen sich auf Anerkennung und Wertschätzung, faire Verteilung und strukturelle Unterstützung und Rahmenbedingungen für Care / Sorgearbeit bezogen (https://equalcareday.de/manifest/ ). Dieses Manifest bleibt heute so aktuell wie 2020, da bisher noch keine der Forderungen umgesetzt wurden, die Bedingungen zu denen Care-Arbeit geleistet wird sich durch die Pandemie jedoch noch weiter verschlechterten.

Zum Equal Care Day 2022 fand nun eine digitale und hybride große Städtekonferenz mit Bühnen in Bonn, Bremen, Düsseldorf, Hannover und Ankara statt. In der virtuellen Care-Landschaft konnte man sich mit seinem selbst erstellten Avatar zwischen den Städten bewegen, Vorträgen auf den Bühnen lauschen, an Workshops an virtuellen Lagerfeuern teilnehmen, Messestände besuchen, Flaschenpost suchen und Care-Tätigen, Wissenschaftler*innen, Verbänden, Aktivist*innen, Politiker*innen und Unternehmer*innen auf der grünen Wiese oder im Netzwerk-Café begegnen und sich austauschen.

Nach einer Begrüßung durch die Initiator*innen und Moderator*innen der Städteräume folgte eine Keynote von Franziska Schutzbach zu „Carearbeit ist die Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft. Warum wird sie dann abgewertet und ausgebeutet?“. Daraufhin fanden parallele Vorträge, Panels und Workshops zu vielfältigen Care-Themen von „Geschlechterstereotype aufbrechen“ und „aktiver Vaterschaft“ über „Pflegekräfte gewinnen“ hin zu „Warum Care und Umwelt zusammenhängen“ und „Care ist Wirtschaft“. Auf dem YouTube Kanal der Initiative Equal Care wurden die aufgenommen Programmpunkte zum Nach- und Reinhören veröffentlicht.

Das Equal Care Manifest mit seinen Forderungen ist durch die Pandemie und den dadurch noch prekärer werdenden Care-Bedingungen heute notwendiger als je zuvor. Auch die kurzzeitig erhöhte Aufmerksamkeit zu Beginn der Pandemie für systemrelevante Pflegekräfte schwächte leider ohne erkennbare Verbesserung wieder ab. Die Reaktion darauf – so der Konsens der intensiven Diskussionen auf dem Equal Care Day – muss lauten: Gemeinsam für Equal Care und eine umfassende „Care in All Policies“ einzutreten – also Sorge und Versorgungsarbeit in allen politischen Entscheidungen mitzudenken und als Grundlage wirtschaftlichen Handelns zu etablieren. Dafür sind die Vernetzung und der Austausch mit den vielen Care-Akteur*innen unerlässlich. Und dass es viele sind und wir gemeinsam laut werden können, um gehört zu werden, zeigte sich an den 700 teilnehmenden Avataren, die am 01. März 2022 durch die Care-Landschaft schwärmten.

Veranstaltung „Wem gehört die Stadt? Feministische Perspektiven auf (Wohn)Räume“ – 8. März

von Katrin Roller

Das Forschungsprojekt WellCare möchte auf eine thematisch spannende Veranstaltung zum internationalen Frauen*tag am 8. März, 19:30 – 21:30 h mit dem Titel „Wem gehört die Stadt? Feministische Perspektiven auf (Wohn)Räume“ aufmerksam machen. Die Veranstaltung ist vom F*AMlab hybrid konzipiert und wird live gestreamt. Nähere Information zur Veranstaltung finden Sie hier.